Ökopsychologie

Die Ökopsychologie (hier vertreten durch Urie Bronfenbrenner) sowie die Kooperation aller Beteiligten (hier vertreten durch Tomasello und Schönberger) stellen die theoretische Basis für das VADEMECUM dar. Nachfolgend werden ausgewählte Grundsätze vorgestellt.

Ökopsychologisch orientierte Diagnostik

In der Ökopsychologie wird die vom Menschen selbst gestaltete und von ihm gestaltbare Umwelt in die psychologischen Überlegungen einbezogen. Deshalb interessieren sich Forschende oder Praktikerinnen und Praktiker weniger für die objektiven Tatbestände als für deren Bedeutung für die Betroffenen.

Bronfenbrenner ist ein früher Vertreter dieser Richtung. Er definiert Entwicklung als „…die dauerhafte Veränderung der Art und Weise, wie eine Person die Umwelt wahrnimmt und sich mit ihr auseinander- setzt“. Früherfassung und entwicklungsbegleitende Diagnostik beziehen demgemäss auch die Sinnbezüge im Alltag des Kindes, seine Beziehungen zu Familienmitgliedern sowie weitere gesellschaftliche Felder mit ein. Damit passt dieser theoretische Ansatz sehr gut in die aktuelle Diskussion um Funktionale Gesundheit der WHO.

Ökologische Gültigkeit

Das Thema der ökologischen Gültigkeit erweist sich als zentrale Frage in ökopsychologisch ausgerichteten Erhebungen und in der Entwicklungsdiagnostik: Welche Bedeutung hat eine Frage für die Untersuchenden, welche Bedeutung hat sie für die Erforschten? Sind für beide dieselben Werte bedeutsam? Wissen die Untersuchenden, wovon die Befragten sprechen? Haben sie denselben Hintergrund, vor dem sie die Welt interpretieren?

Bronfenbrenner definiert drei Bedingungen für ökologische Gültigkeit eines Verfahrens. Nachfolgend werden sie kurz skizziert und deren Umsetzung im VADEMECUM erläutert:

1. Diagnostik in realen Gegebenheiten

Die Untersuchungssituation und das Instrumentarium entsprechen den realen Gegebenheiten, d.h., sie beziehen sich auf Objekte und Aktivitäten des Alltagslebens und werden in natürlichen Lebensbereichen durchgeführt:

  • Der Einsatz des VADEMECUM geschieht in einer dem Kind vertrauten Umgebung (Zuhause, in der Krippe, in der Spielgruppe), im Beisein von gewohnten Bezugspersonen und vertrauten Gegenständen.
  • Da Fremdpersonen stören und das Verhalten des Kindes verändern können, werden die Beobachtungen von ihm vertrauten Bezugspersonen durchgeführt.
  • Es wird auf standardisierte Testgegenstände verzichtet. Die Fragen können alle beantwortet werden durch Beobachtung des Kindes in seiner Auseinandersetzung mit ihm vertrauten Gegenständen und Spielsachen.

2. Identische Wahrnehmung der Situation

Die Untersuchung selbst wird von den Untersuchenden und den Untersuchten möglichst identisch wahrgenommen:

  • Die Beobachtungen mit dem VADEMECUM beziehen sich auf den Alltag des Kindes. Werden kleine Aufgaben gestellt, stehen sie im sinnvollen Zusammenhang mit anderen Tätigkeiten, es gibt keine Zeitvorgaben. Dies entspricht der kindlichen Lebensweise und erleichtert ihm die Kooperation: Spiel bleibt Spiel.
  • Frühkindliche Entwicklungsdiagnostik will Erkenntnisse über die „normale“ Handlungsfähigkeit eines Kindes. Angst, Verunsicherung, Fremdsein, wie sie Kinder in klinischen Situationen häufig erleben, sind nicht Bestandteile dieses Erkenntnisinteresses. Das VADEMECUM wird deshalb im vertrauten Lebensumfeld des Kindes eingesetzt.

3. Einbezug aller relevanten Faktoren

Bezogen auf das gestellte Problem sollen alle möglichen, bzw. relevanten Einflüsse einbezogen werden.

  • Einer der wesentlichsten Faktoren im Früherkennungsprozess ist die Zeit. Das VADEMECUM ist zur mehrfachen Anwendung im Verlaufe der Entwicklung eines Kindes gedacht. Erst die Kenntnis von Entwicklungsverlauf und -tempo erlaubt in vielen Fällen Rückschlüsse über besondere Stärken oder eine spezifische Bedürftigkeit.
  • Als sehr zentraler Faktor für kindliche Entwicklung hat sich in der Forschung der letzten Jahre die Feinfühligkeit der Eltern erwiesen. Dieser wird beim VADEMECUM insofern berücksichtigt, als das achtsame beobachtende Schauen der Bezugspersonen ohne in das kindliche Handeln vorschnell einzugreifen, vielfach einen neuen Zugang zum Kind eröffnet.

Kooperative Frühdiagnostik

Kooperation aller Beteiligten – im Sinne von Tomasello und Schönberger – ist in der Frühdiagnostik unter ökopsychologischen Vorzeichen unabdingbar.

Zu einer gelingenden Kooperation gehören:

  • Die Verantwortung über den gesamten diagnostischen Prozess liegt weder einseitig bei den Fach- personen noch bei den Eltern. Die Rollen sind geklärt.
  • Die Qualität der Beziehung zwischen den Fachpersonen und den Eltern prägt den Prozess entscheidend mit: Die Fachpersonen begegnen den Eltern mit Wertschätzung und einer akzeptierenden Haltung.
  • Die Lebenssituation der Eltern, ihre Vulnerabilität, ihre Ressourcen und ihre Einstellung in Bezug auf eine mögliche Entwicklungsbeeinträchtigung des Kindes werden wahr- und aufgenommen.
  • Die Eltern und andere Bezugspersonen werden von Beginn weg aktiv in die Überlegungen und Hand- lungen mit einbezogen.
  • Die Handlungen des Kindes werden in seiner Lebenswirklichkeit erfasst.
  • Die Beteiligten gelangen zu einer gemeinsam getragenen Definition der relevanten Themen und planen anschliessend die notwendigen Massnahmen / Handlungen.
  • Die Eltern werden so umfassend wie möglich über Hypothesen, Ziele und anzuwendende Methoden informiert.
  • Die angewandten Methoden und Massnahmen beziehen sich, wenn immer möglich, auf sinnvolle Tätigkeiten, Objekte und Situationen des Alltagslebens.
  • Erkenntnisse und Hilfeleistungen werden laufend auf ihre Adäquatheit geprüft.
  • Die beteiligten Fachpersonen arbeiten kooperativ und interdisziplinär zusammen: Sie tauschen Erkenntnisse und Erfahrungen aus und orientieren sich auch am Handeln des Gegenübers.
  • Der Einzelfall wird immer individuell betrachtet, unter Einbezug wissenschaftlicher Erkenntnisse und Erfahrungen.
  • Letztendlich entscheiden die Betroffenen über die Angemessenheit von Massnahmen.